Die Bannerodyssee

17.06.2020 in Erfahrungen eines Klimaaktivisten

Hey Leute! Heute erzähle ich euch über eine Aktion, bei der ich gar nicht der eigentliche Protagonist war. An der Planung und Koordination war ich zwar maßgeblich beteiligt und ich habe unterstützt wo ich konnte, ausgeführt habe ich allerdings wenig. Hier kommt Thilo ins Spiel, der einen großen Anteil am Erfolg dieses Projektes hatte. Es handelt sich um unseren ersten ernstzunehmenden Bannerdrop.

Der Hintergrund

Am 15.03.2020 fanden in ganz Bayern die Kommunalwahlen statt, und passend dazu streikten die bayerischen Ortsgruppen am Freitag den 13.03.2020. Zumindest war das so vorgesehen, bis Covid-19 uns dazu gezwungen hat, es sein zu lassen. Für diesen bayernweiten Protesttag hatten wir schon im Januar ein Marketingkonzept erstellt und seitdem geworben was das Zeug hält. Und weil uns Hunderttausende Sticker, mindestens halb so viele Plakate, Mundpropaganda und normale Werbung auf social media einfach nicht genug sind, dachten wir uns: ‚Wir brauchen noch was Großes!‘ - Also haben wir ein großes Banner gemacht. Um genau zu sein, ist es über 30 Quadratmeter groß.

Was, wie, wo, plant man dann eigentlich?

Los ging alles mit der Idee in einer der vielen kleinen Vernetzungsgruppen: Mehrere OGs in Bayern sollen am gleichen Tag zur gleichen Zeit Banner von gut einsehbaren Stellen entrollen und für die Demos werben. Schnell entstand in Erlangen ein nichtöffentlicher Slack-Channel mit fünf-sechs Eingeweihten, darunter auch Ich. Da ich schon länger vor hatte eine vergleichbare Aktion durchzuführen, hatte ich schon etwas Vorwissen gesammelt. Deshalb brachte sofort alles ein, was Ich hatte: insgesamt 11 Orte mit Sichtbarkeit, Zugänglichkeit und Fluchtmöglichkeiten. Ideen zu Farben und Arten der Malweise. Eine Freundin brachte ein, dass man bei unserer Uniklinik leicht alte Bettlaken bekäme und schon waren wir good to go. Thilo holte am nächsten Tag sage und schreibe zehn Laken von der Wäscherei des Krankenhauses. Er nähte den ganzen restlichen Tag alle zu einem großen Stück zusammen. In der Zwischenzeit überlegte ich mir ein Design für das Banner und briefte Lennard, welche Sprühdosen wir in welcher Menge brauchten: Zwei Tall-Cans Schwarze Montana-Blacks, zwei normale dunkelgrüne Montana-Gold und eine hellblaue Montana Gold. Den Rest hatte ich zu Hause.

Ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass wir uns bewusst sind, dass Aerosol-Sprühdosen mit Ölbasierter Farbe auch nicht gerade gut für die Umwelt sind. Allerdings musste viel Fläche schnell, wasserfest bedeckt werden und dafür sind die Dinger erfunden worden. Wenigstens bei den Zahlen und größeren Elemente entscheiden wir uns aber für Wandfarbe und Farbrollen.

Wir tauschten Termine zum Malen aus, einigten uns auf den Nachmittag des 27.02.2020 und überlegten uns, wo wir das Ganze am besten malen/sprühen würden. Letzteres war gar keine so einfache Aufgabe, denn in unbelüfteten Innenräumen mit giftigen Treibgasen zu arbeiten, ist wirklich nicht so clever. Nach längerem Grübeln schlug ich den Wiesengrund vor. Unter dem Viadukt des Dechsendorfer Dammes befindet sich nämlich ein kurzes gepflastertes Stück, welches durch die Brücke einigermaßen wettergeschützt ist, nicht viel Publikumsverkehr hat und durch den starken Wind im Tal gut belüftet wird. Auch die Anderen hielten das für den besten Vorschlag und so war es beschlossen. Ab hier übernahm das Umsetzungsteam und deshalb übernimmt auch im Blogeintrag Thilo. :)

Das Malen - eine emotionale Achterbahn

Beladen mit Farbeimern, Sprühdosen und mehr als 10 kg Lakenstoff auf Fahrrad und Longboard zum Dechsendorfer Damm.

Das Wetter ließ bereits erahnen, dass die ganze Aktion wohl keinen ganz reibungslosen Verlauf nehmen würde, denn wir starteten unseren Weg begleitet von leichtem Niesel, der kurz darauf schon zu einem nicht zu vernachlässigenden Regenschauer umschlug. Aber hey, deswegen ja die Brücke zum Unterstellen - soweit alles nach Plan. Wir bereiteten alles vor, Laken ausbreiten, mit Steinen ringsum vor dem immer stärker werdenden Wind sichern und noch einmal checken, ob wir auch nichts vergessen haben. Bevor es jetzt wirklich losgehen konnte, kamen die ersten Bedenken auf, vor allem, ob wir hier draußen nicht vielleicht doch etwas zu angreifbar für Wind und Wetter wären. Jedoch wir hatten eine Lösung parat, die zwar einfach, aber doch genial war - MUSIK!

Für mich persönlich ist Musik eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben. Sie gibt mir Halt und Durchhaltevermögen in den härtesten Zeiten und lässt mich weiter machen, auch wenn es manchmal erscheint, als ob hier und jetzt Schluss sein muss. Und dass das auch wirklich immer funktioniert, konnten wir an diesem späten Nachmittag nochmal unter Beweis stellen.

Endlich konnte es losgehen, noch einmal kurz das Design und unsere Überlegungen begutachten und ab geht’s. Wir entschlossen uns, die drei Zuständigkeiten auf dem Banner etwas aufzuteilen. Kadda und Lennard bereiteten ganz unten in der linken Ecken schonmal unser riesiges FFF Erlangen Logo vor, indem sie es mit Tape erst anklebten und anschließend übersprühten. Ich hingegen startete ganz oben mit den Bergen, die überall auf unseren Plakaten und Flyern thronten. Der Einstieg war, glaube ich, für uns alle am schwierigsten. Tatsächlich war diese Aktion auch die erste dieser Größenordnung für mich selbst. Bisher hatte ich nur ein wenig Erfahrung mit Sprühen. Wenn, dann nur mit Stencils. Freihand-Graffitti war Neuland für mich. Aber Leute, das hat so einen Spaß gemacht. Umso weiter wir mit unserem Banner vorankamen, desto weniger störten mich meine kalten Füße. Wir mussten ja leider unsere Schuhe ausziehen, damit wir nicht ganz viele Fußabdrücke auf dem Banner hinterlassen würden, während wir malten. Ich glaube jeder kennt diesen Moment, wenn man alles andere ausblendet, weil man grade zu 100% in einer Sache vertieft ist. Genau so einen Moment hatte ich den ganzen Abend über.

Wie Henning ja schon erzählt hatte, wollten wir den größten Schriftzug, also „Klimastreik“ nicht mit den Spraydosen, sondern einem großen Farbroller auftragen. Prinzipiell hatte das auch super funktioniert und die Unregelmäßigkeit in der Farbe aufgrund des rauen steinigen Untergrundes unter der Brücke sorgte für einen tollen Effekt. Nur leider hatte das Wetter nochmal eine Überraschung für uns parat: Schnee. Der erste richtige Schnee diesen Winter. Und nicht nur ein wenig, ich würde sogar sagen, man könnte es als Schneesturm bezeichnen. Zentimeter-dicke Flocken huschten pausenlos an uns vorbei. Zusammen mit dem Sonnenuntergang eine wahrlich märchenhafte Atmosphäre. Gleichzeitig sahen wir allerdings nochmal was wir in Deutschland hier täglich aufs Spiel setzen durch unseren ignoranten Lebensstil. Quasi ein letzter Blick darauf, wie schön die Winter hier doch sein können. Aber nun gut, ich bin ehrlich. Viel von dieser Romantik kam in unserem Team in diesem Moment nicht an. Wir hatten wenig Verständnis für diesen plötzlichen Sinneswandel des Wetters. Eher eine Mischung aus unverhoffter Heiterkeit über die Situation und langsam kippender Stimmung durch die immer unerträglichere Kälte an Händen und Füßen. Wieder nur eine Lösung in Sicht: Die Musik müsste lauter werden! 

Also gaben wir noch einmal alles, bekamen langsam aber sicher die letzten Schriftzüge fertig und waren dann kurz vor Schluss auch sehr dankbar für den Tee, der von unserem Plenum zu uns geschickt wurde. Kurz darauf war es geschafft. 4,20 m x 7,50 m Laken in feinster Underground Art fertiggestellt, in einem Schneesturm, ohne Schuhe, mit Kopflampe. 

 

Die Katastrophe

Wir packten unsere Sachen und beeilten uns, um noch ein wenig vom Plenum mitzubekommen. Allerdings drehte der Wind plötzlich heftig um und wir bemerkten, dass wir mit den Farbrollern wohl die falsche Wahl getroffen hatten. Der rechte Rand des Banners saugte sich zusehends mit jeder Menge Schneematsch voll. Das weichte die schwarze Farbe derart auf, dass man wohl schon bald keine einzelnen Buchstaben mehr ausmachen können würde. Jetzt hieß es also noch schneller zurück zu unserer Basis im Klimaschaufenster, bevor es zum Plenum gehen konnte. Dort angekommen hatten wir noch knapp 10 Minuten bevor das Kaufland schließen würde (Bayern halt). Ich rannte also los, um nach Planen zu suchen, um das Banner unter Brücke abzudecken, damit wir bei dem Wetter zumindest den Hauch einer Chance hätten, dass es bis morgen 7:30 Uhr trocken und einsatzbereit ist.

Der Verkäufer am Eingang gab eine niederschmetternde Antwort - hier gäbe es keine Planen, diese seien erst für den Sommer vorgemerkt. Dann aber die Rettung. Bei den Autoaccesoires könnte es etwas Ähnliches geben. So endeten wir mit 4 riesigen „Autogaragen“ die es nun galt, zurück unter die Brücke zu bringen. Hier trennten sich fürs Erste die Wege von Kadda, Lennard und mir. Ich fuhr mit dem Bus wieder zurück, um zu retten, was noch zu retten war. Der Schneesturm hatte in der Zwischenzeit kein bisschen abgenommen. Dennoch erreichte ich unseren Malort, ohne komplett im Wasser zu stehen. Das war trotzdem kein Grund zur Freude, denn was ich vorfand, stellte meine Geduld und meinen Willen sehr auf die Probe.

Fast die Hälfte des Banners, genauer gesagt alles, was nicht gesprayt wurde, war durch den Schnee und das Wasser am Boden so stark verwaschen, dass man faktisch nichts mehr lesen konnte! Für einen kurzen Moment wusste ich nicht mehr was zu tun ist - nur noch knapp 9 Stunden bis unsere Aktion anstehen würde, keine Laken mehr zur Verfügung, das Plenum sollte bald vorbei sein und die Leute würden nach Hause gehen - People Power wäre daher auch rar.

Bevor ich komplett durchdrehen sollte, beschloss ich daher erstmal alles abzudecken um die gesprayten Teile vor der endgültigen Zerstörung zu schützen. Einen kurzen Anruf später traf Henning am Ort des Verbrechens ein und zusammen berieten wir uns, was nun geschehen sollte.

Ich ging erstmal wieder zurück ins Klimaschaufenster und von dort aus weiter ins E-Werk zu unserem Plenum, um zu berichten, was passiert war. Henning, der sich immer noch mit einer Erkältung rumschlagen musste und zudem auch heute noch Geburtstag hatte, schickte ich natürlich nach Hause, damit der wenigstens ein wenig das Gefühl haben könnte, das sei heute sein Tag...

Not macht erfinderisch - Outdoor

Das Plenum hatte bereits alle wichtigen Tagesordnungspunkte erledigt und so konnten wir gleich alle unsere Ideen einbringen. Ich schlug vor, ich würde das alles nochmal alleine angehen, wenn mir nur jemand ein Laken besorgen könne. Schnell war aber klar, dass der Ehrgeiz unserer Leute unfassbar groß ist. Speziell in Krisen wie diesen ist auf unsere Leute Verlass. Es dauerte nicht lange da war Plan B angelaufen.

Lisa und Paula kümmerten sich um den neuen Stoff, Kadda, Julian, Marc, Chris und ich würden erst einmal was essen und dann im Klimaschaufenster alles vorbereiten, um mit der Nähmaschine von Lisa und den neuen Laken das Banner wieder zu „reanimieren“. Allerdings hatten wir nicht genug alte Bettlaken über, so entschieden wir uns alle zusammen zurück zum Dechsendorfer Damm zu kommen und alle noch guten Stücke vom verwaschenen Teil abzutrennen und später an die neuen Teile anzunähen - „Frankenbanner“ (Frankenstein) war geplant!

Der Stoff war klitschnass, daher bot Chris an, alle noch zu verwendenden Teile bei ihm zu Hause im Waschkeller aufzuhängen, bis der Rest gesprayt wäre. 'Ein kurzer Fußweg', hieß es, "es sei gleich um die Ecke", hatte er gesagt. Eine knappe halbe Stunde später erreichten wir, triefend Chris’ zu Hause. Schnell waren die Banner aufgehängt und der Rückweg konnte angetreten werden. Zum Glück hatten wir auch hier unseren treuen Begleiter am Start, Musik kann wirklich jeden Moment retten!

An dieser Stelle verabschiedeten wir uns dann auch von Chris, den wir aber gleich morgen früh im Team der Bannerdropper wiedersehen sollten. Leider fuhr zu dieser späten Stunde kein Bus mehr und daher kam die Idee auf zu trampen. Brav wurde bei jedem Auto, das vorbeifuhr der Daumen in die Luft gestreckt. Natürlich kamen auch nicht mehr viele Autos an uns vorbei. Gerade als wir schon die Hoffnung aufgeben wollten, kam uns Kadda zugute. Sie gab nicht auf und versuchte es weiter bis ein Mann anhielt und anbot, uns mitzunehmen. Zugegeben, weit war es nicht mehr, aber wir waren über jeden Meter glücklich, den wir jetzt nicht mehr in der Nässe laufen mussten.

Angekommen im Klimaschaufenster bereiteten wir die Sprühdosen und die neuen Laken von Lisa vor. Wir gingen hinunter in das Parkhaus nebenan und breiteten die zwei großen Banner auf dem Boden aus. Diese waren bereits an den kürzenden Enden zu langen Stücken zusammen genäht worden, sodass sie später zum Rest des geretteten Banners passen würden. Den Anfang machte Marc, der uns alle mit seinen geradezu majestätischen Handbewegungen und seiner schönen Handschrift in Erstaunen versetzte. Den „Klimastreik“ Part übernahm dann wieder ich.

Not macht erfinderisch - Indoor

Jetzt wo Outdoor-Anteil geschafft war, verabschiedeten sich Julian und Marc. Kadda, Paula und ich blieben übrig. Wegen der stressigen letzten Stunden einigten wir uns darauf das Zusammennähen erstmal auf 4 Uhr zu verschieben und bis dahin etwas zu erholen und neue Kraft zu schöpfen. Wir machten es uns bequem mit Musik und Mate und redeten über Gott und die Welt. Solche entspannten Momente kann einem niemand nehmen.

Die Zeit bis 4 Uhr verging leider viel zu schnell. Ein paar Tassen Tee und einige witzigen Geschichten später hieß es also wieder ran an das Banner.

Paula und ich waren recht glücklich, dass Kadda sich angeboten hatte den Sitz hinter der Nähmaschine zu übernehmen und so war für uns beide noch der Job offen die riesigen, teilweise noch nassen und damit sehr schweren Laken immer so auszurichten, dass Kadda möglichst freie Sicht auf die zu nähenden Stellen hatte. Am Anfang lief das eigentlich auch alles ohne Probleme und wir lagen super in der Zeit - um 7 Uhr sollten die anderen aus unserem Team wieder hier eintreffen, um den Plan noch ein letztes Mal durchzusprechen. Allerdings legte uns der liebe kleine Unterfaden gegen Ende nochmal einen fetten Stein in den eh schon so mühseligen Weg! Ernsthaft ich hätte nie gedacht, dass ein so kleines Stück Faden gleich drei Menschen in Verzweiflung treiben könnte, aber hey, man lernt nie aus.

Zig Rettungsversuche und verschiedenen Möglichkeiten des Einfädelns später gelang es uns endlich wieder, die Nähmaschine in Gang zu setzen - Ober und Unterfaden vereint in Zweisamkeit. Und so ging es, nun mit etwas amüsanten Stichformen, immer weiter in Richtung fertiges Banner, das in ein paar Stunden diesen Freitag einleiten sollte.

Dass wir nun schon seit fast 24 Stunden wach waren, hatte man bisher eigentlich gar nicht gemerkt. Naja außer die üblichen Anzeichen von Übermüdung, wie verrücktes Umhertanzen oder einen 5 minütigen Lachanfall über Belanglosigkeiten. 

Aber als es daran ging, das letzte Stück Laken an das fast fertige Banner anzunähen, setzten langsam unser aller Gehirne aus. Ich weiß nicht mehr wie viele Versuche wir benötigten bis wir endlich die zwei Stoffteile in der richtigen Ausrichtung und Position übereinander gelegt hatten, um die letzte Naht durch die Maschine zu jagen. Dann war es geschafft! 14 Stunden nach dem ersten Pinselstrich und unzählige Nervenzusammenbrüche später hatten wir es tatsächlich geschafft. Das Banner war fertig geworden - und das sogar noch ganze 5 Minuten vor der ausgemachten Uhrzeit. 

Der Drop

Nachdem alle aus dem Bannerdrop-Team eingetroffen waren, machten wir uns auf den Weg zu den Arcaden. Bevor es durchs Treppenhaus nach oben ging, sprachen wir uns ein letztes Mal mit den Fotografen und den Leuten ab, die das Banner auffangen und mitnehmen sollten. Dann konnte es losgehen.

Wir hatten die Kameras im Vorfeld ausgekundschaftet und so und so ging es durch das unbewachte Treppenhaus hoch auf das erste Parkdeck. Wir warteten noch etwas, bis wir den vereinbarten Zeitpunkt erreicht hatten und verließen wie abgesprochen mit dem Gesicht und der Tasche mit dem Banner von der Kamera abgewandt das Treppenhaus. Zügig hasteten wir über das Parkdeck, stiegen auf den schmalen Stahlträger, um den Rand Fassade erreichen zu können, schauten uns alle noch einmal an und entrollten unser Werk. 31,5 m2 Stoff wehten im Wind. Die halbe Ortsgruppe Erlangen hatte Schweiß, Blut, Erfahrung und Arbeitszeit eingebracht. Alles für diesen Moment. Und glaubt mir, es hat sich gelohnt, seht selbst!

Nach etwa 5 Minuten hatten wir das Fotomaterial fertig. Wir ließen das Banner fallen. Damit das Team am Boden wusste genau, wann sie das Banner auffangen sollte. Oben riefen wir „CLIMATE“ und von unten ertönte sofort die Antwort „JUSTICE" und wir waren raus

Danke Thilo! Wie ihr seht, braucht man im Aktivistenalltag viel Improvisationstalent, Erfindungsreichtum und Frustresistenz, um die kleinen und großen Katastrophen aufzufangen. Hier hat die Ortsgruppe allerdings meiner Meinung nach wieder einmal bewiesen, was für tolle Leute wir haben. Gemeinsam sind wir extrem stark und ich bin froh, dass man sich aufeinander verlassen kann. Der Artikel heute ist, denke ich, ein gutes Sinnbild dafür, denn ohne die Hilfe der Anderen hätte ich heute keinen Artikel und das Banner hätte nie gehangen. Mit so tollen Leuten an meiner Seite lässt sich der ganze Stress jedenfalls besser aushalten und nach Corona auch jede Form von Aktion umsetzen. Ich schreibe euch bald wieder und vielleicht gibt's in absehbarer Zeit mal wieder ein Feature :). Bis dahin!

Macht's gut!

Nebenwirkungen von Aktivismus

04.03.2020 in Erfahrungen eines Klimaaktivisten

Hey Leute! Was ihr bisher so von mir gehört habt, klingt nach der Zeit meines Lebens. Eine sinnstiftende Aufgabe, einmalige Erfahrungen, aufregende Aktionen, viele neue Freunde und gute Orga. Das stimmt alles und der Aktivismus ist für mich ein echter Glücksfall. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das Wenigste im Leben nur Vorteile hat. Das stimmt auch hier. Der AKW - "Arbeitskreis Wirhabenunsallelieb" - gegen "Folgeschäden" von Aktivismus hat durchaus seine Daseinsberechtigung und Stress einen festen Platz in unseren Leben.

Ambitionen und Erwartungen

Das Grundproblem ist, möglichst viel mit begrenzter Peoplepower erreichen zu wollen. Es kommt aber natürlich stark darauf an, wie groß die Ambitionen sind. Nur wollen wir FfF-ler ja ein ziemlich großes Ziel erreichen. Zum Glück sind wir ja auch (recht) erfolgreich dabei, aber hier kommt schon der nächste Punkt: Die eigenen Erwartungen. Bei uns allen sind sie seit der letzten Großdemo stark gewachsen. Aber ich bin sozusagen schon vorgeschädigt: Die Demos zum PAG waren zwar kein Selbstläufer, doch waren wir alle unglaublich aktiv, motiviert und zumindest ich war neu dabei. Nach einem gut dreiwöchigen Marathon konnten wir mit 1500 Menschen in Erlangen und 6000 in Nürnberg zwei - für damalige Verhältnisse - sehr beachtliche Menschenmengen hinter unser Anliegen bringen. Schon damals sagte ich mir und jedem, der es wissen wollte: "Das war der Wahnsinn, aber das kann man sicher nicht länger als drei Wochen durchziehen." Naja, was soll ich sagen... Doch. In Erlangen ist Fridays for Future seit über einem Jahr aktiv und es ist schon längst nicht mehr nur ein Marathon. Das Ganze ist inzwischen wahrscheinlich nicht mal mehr ein Ironman. Wenn man dann auch noch erfolgsverwöhnt ist, wie ich, dann ist das keine besonders gute Mischung.

Ein Wochenplan - Theorie

Damit es für euch etwas greifbarer wird, weshalb ich von Extremsportarten rede, hier einmal ein paar Zahlenspiele: Ich rede immer davon, dass ich keine Wochenenden oder Feiertage und eine Sechzig-plus-Stunden-Woche habe. Wöchentlich arbeite ich drei Stunden als Tutor für die Erstsemester in Politikwissenschaft, um mein monatliches Defizit im Rahmen zu halten. Mein Semester hat überschaubare 16 Wochenstunden. Die Studierendenvertretung braucht normalerweise 20 Stunden - Sitzungen, Empfänge, Meetings, Mails, Anrufe und Bürokratie. Für Fridays for Future mache ich persönlich regelmäßig etwa 16 Stunden pro Woche: Plena, Repräsentation auf externen Veranstaltungen, Interviews, Telefonate, Infostände, Vorplanungen, Mails oder Texte schreiben und Demomoderation. Drauf kommt dann noch die Zeit, die ich auf dem Rad, im Bus oder in der Bahn verbringe, was nochmal zirka 10 Stunden pro Woche sind. Allerdings kann ich in den Öffis natürlich auch arbeiten. Irgendwo dazwischen ist manchmal Platz für was zu essen, Privatleben, anderweitige, interessante, politische Veranstaltungen und die Feuerwehr. Seit gut eineinhalb Jahren habe ich keine Zeit mehr für eine richtige Sportart - außer meiner täglichen Wege mit dem Fahrrad. Ich plane das allerdings wieder zu ändern.

Spontanität - die Praxis

Im letzten Absatz kamen Synonyme von "üblicherweise" ungewöhnlich häufig vor. Insgesamt klingen die Angaben im letzten Absatz alle etwas unsicher, oder? Da habt ihr recht, sie sind es. Ich glaube aber, dass die Stundenzahlen ein ganz gutes Bild meiner Durchschnittsauslastung zeichnen. Tatsächlich scheitert ein sauberer Wochenplan an mehreren Punkten: Erstens mischen sich meine Aufgaben natürlich: Wenn ich jetzt das redaktionell am studentischen Klimaschutz- und Nachhaltigkeitskonzept arbeite, ist das dann Stuve oder FfF Studi AG? Wenn ich für den Spendenlauf der Stuve das ganze Wochenende einen Transporter von A nach B fahre, um Tonnen von Material, aber eben auch die Technik für die nächste Demo zu transportieren was ist das dann? Und dann ist die Frage ja noch nichteinmal gestellt, welche Aktivität jetzt überhaupt "Arbeit" und was "Freizeit" ist. Wenn beinahe alles irgendwie beides ist, dann ist das auch Work-life-Balance oder? Außerdem ist, zweitens, keine Wochen wie die andere. Klingt platt und klischeehaft? Okay, passt auf! Als Erstes kommen regelmäßige Termine. Dann Einzeltermine. Einerseits diejenigen, die wir uns nicht aussuchen können, wie etwa Podiumsdiskussionen oder Workshops, andererseits die eigenen Treffen. Letztere werden bei der Stuve oder bei FfF irgendwo in die gemeinsamen Lücken hineingedoodlet. Schließlich sind natürlich Mails und ähnliches recht flexibel - können also gegebenenfalls außenrum gemacht werden, oder wenn etwas ausfällt. So kann es schon mal passieren, dass ich am Ende des Tages ein paar völlig andere Themen erledigt habe, als ich es morgens erwartet hätte. Drittens, und das ist der wohl bedeutendste Punkt, verteilt sich die Arbeit kein bisschen gleichmäßig: Die Studierendenvertretung braucht regelmäßig mindestens 12 Stunden in der Woche, aber wenn wir eine Aktion geplant haben sind es gut und gerne mal 15 zusätzliche an einem einzigen Tag. Bei FfF gab es auch schon Wochen, in denen ich vielleicht eine halbe Stunde in Summe investiert habe. Aber am 20.09. war ich über acht Stunden aktiv und die Woche davor auch täglich mindestens vier. Dabei habe ich ja noch das Glück, weder Deligierter zu sein noch die eigentliche Demoorga zu machen.

Folgeschäden

Schlafmangel, Hunger und Anspannung sind die unmittelbarsten und regelmäßigen Probleme. Mittelbar bringt ein solcher Lebensstil aber auch schlimmere Folgen mit sich. Bisher ist zum Glück niemand von uns ernsthaft krank geworden, aber es gibt Geschichten, dass das in anderen Ortsgruppen anders aussieht. Häufig leidet auch das Studium oder die Schule. Anfangen kann das mit einer nicht bestandenen Klausur, wie etwa ironischerweise Umweltrecht in meinem letzten Semester. Einige meiner Freunde mussten aber wegen des ganzen Engagements schon den Studiengang wechseln. Im sozialen Umfeld ist das Thema Überlastung häufig ebenfalls greifbar. Ich will gar nicht wissen, wie viele Streits schon über FfF in Familien ausgebrochen sind, wie viele Freundschaften und Beziehungen gelitten haben.

Letztlich kommt bei einem selbst natürlich alles zusammen. Körperlicher, sozialer und studiumsbezogener Stress. Dazu kommen dann noch stark gestiegene Ausgaben im Alltag fürs Telefonieren und auswärts Essen. Ich habe es letztes Jahr zum Glück geschafft mehrere sehr entspannte (und ökologische) Urlaube zu machen, aber dafür hab ich jetzt noch weniger Geld. Bald ist erstmal alles Ersparte weg. Aber ohne intensive Pausen geht es nicht. Das Adjektiv aus dem letzten Satz bringt es gut auf den Punkt. Intensiv. Und manchmal ist es halt zu intensiv. Aber weil man nicht einfach aufhören kann, für seine Überzeugung einzustehen, werden wir weitermachen. Egal wie ausgebrannt manche von uns sein mögen, ich kenne niemanden, der oder die einfach aufgehört hätte. Ihr werdet also noch einige Zeit von mir hören. Bis dahin.

Macht's gut!