Berufswunsch: Verkehrswende

Studium, Bewerbung, Verkehrswende: Wenn der Aktivismus allein nicht reicht, kannst du dich auch beruflich für mehr nachhaltige und sozial verträgliche Mobilität einsetzen. Eine Vielzahl von Berufen erlaubt das, etwa in der Verwaltung, bei Planungsbüros oder in der politischen Arbeit. Julian Hofmann arbeitet neben seinem Studium als Werkstudent bei einer Nahverkehrsgesellschaft. Uns hat er erzählt, wie sein Arbeitsalltag aussieht und was er sich für die Verkehrswende wünscht.

Die Verkehrswende soll soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz bringen. Wann hast du angefangen, dich mit dem Thema zu beschäftigen und was hat dich dazu bewegt?

Ausschlaggebend war mein Freiwilligendienst an einem Bildungszentrum für Menschen mit Sehbehinderung. Ich bekam dadurch ein stärkeres Bewusstsein für Barrierefreiheit und war immer häufiger geschockt, wie wenig barrierefrei unsere Welt ist und wie stark dadurch die Mobilität von vielen Menschen eingeschränkt wird. Barrierefreiheit ist für mich somit eine sehr wichtige Dimension der sozialen Verkehrswende. Hinzu kommt, dass Autofahren etwas sehr Privilegiertes ist - du musst es können, dürfen und dir leisten können. Weniger Auto-Fokus und ein anderes Verkehrssystem, das stärker auf den öffentlichen Verkehr und aktive Mobilität (Rad und Fuß) ausgerichtet ist, bedeutet neben mehr Klimaschutz also auch mehr soziale Gerechtigkeit und Teilhabe für alle.

Viele Menschen (und oft auch die Politik) verstehen unter nachhaltiger Mobilität lediglich eine Antriebswende. Findest du, dass Mobilität grundsätzlich anders gedacht werden muss?

Den Impuls zu denken, es reicht aus allen normalen Autos mit E-Autos zu ersetzen, verstehe ich. Ich glaube das kommt davon, dass es beispielsweise auf dem Land aktuell so wenige Alternativen gibt, sodass diese kaum vorstellbar sind. Außerdem sind unsere Verkehrspolitik und die Art wie wir unsere Umgebung bauen seit Jahrzehnten auf das Auto ausgerichtet. Hier gilt es die meisten Kraftanstrengungen hereinzusetzen: Auch auf dem Land kann und muss es ohne eigenes Auto funktionieren - z.B. durch Shuttles, die einen von der Haustüre zum nächstgrößeren Verkehrsknotenpunkt bringen, bei dem dann in einen Schnellzug oder Expressbus in die umliegenden Städte umgestiegen werden kann. Und wenn es doch einmal ein Auto braucht, warum nicht geteilt? Das könnte mit Mobilitätsstationen gelingen, wo verschiedene Fahrzeuge für unterschiedliche Zwecke ausgeliehen werden können. In den Städten haben wir schon viele tolle Konzepte, die nur noch umgesetzt werden müssen. Auf dem Land brauchen wir jetzt ambitionierte Schritte und Ideen. Dann wird Antriebswende hoffentlich als ein kleineres Element der Verkehrswende verstanden und nicht als das Einzige.

Aktuell arbeitest du bei der NVBW - Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg als Werkstudent in der Fuß- und Radverkehrsplanung. Wie kannst du dich dort für die Verkehrswende einsetzen?

In meinem Team Fuß- und Radverkehr sind wir mit verschiedenen Projekten die Schnittstelle zwischen dem Verkehrsministerium in Baden-Württemberg und der lokalen Ebene, also vor allem den Kommunen. Wir verbessern die Bedingungen für die Verkehrswende, indem wir die Kommunen und das Land z.B. mit Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungen, Weiterbildung, Infrastrukturentwicklung oder Servicestellen unterstützen. Ich habe die Möglichkeit mit verschiedenen Kolleg*innen zusammenzuarbeiten und etwa gute Praxisbeispiele bekannt zu machen oder die Fuß- und Radverkehrsakteur*innen in Baden-Württemberg besser zu vernetzen

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Mein Arbeitstag beginnt meist mit einer Fahrradfahrt durch den Stuttgarter Schlossgarten. Im Büro angekommen stehen nach dem Mails checken meist schon Termine zur Absprache mit unseren Agenturen an, die uns in den einzelnen Projekten bei der Umsetzung begleiten. Vor allem arbeite ich aktuell im Bereich der AGFK-BW (Arbeitsgemeinschaft fahrrad- und fußgängerfreundlicher Kommunen Baden-Württemberg) beim Mitglieder-Management und der Weiterentwicklung mit. Es fallen auch viele kleinere Tätigkeiten wie das Bearbeiten von Förderanträgen für RadServicepunkte oder RadChecks an. Ich habe auch die Möglichkeit immer mal wieder bei Veranstaltungen dabei zu sein, z.B. Ende Januar als Moderator bei der Planungswerkstatt – einem kooperativen Event für Kommunen, die gemeinsam komplexe Herausforderungen der lokalen Verkehrsplanung meistern. Insgesamt ist meine Arbeit also sehr abwechslungsreich und ich kann immer wieder von Neuem lernen, wie ich in meiner begrenzten Arbeitszeit möglichst viel erledigen kann. Unsere lebhafte Teamkultur motiviert mich dabei auch immer wieder, z.B. mit gemeinsamen Ausflügen. 

Hast du schon zukünftige Berufswünsche für die Zeit nach deiner Masterarbeit?

Mein Studium Planung und Partizipation ist sehr stark auf Bürger*innenbeteiligung ausgelegt. Dafür schlägt – neben der Mobilitätswende – auch mein Herz. Ich wünsche mir später einmal beides miteinander verbinden zu können. Das könnte als Verantwortlicher für Bürger*innenbeteiligung in einer Kommune sein oder in einem Planungs- oder Beteiligungsbüro. Ich fände es auch interessant, irgendwann vielleicht selbst einmal etwas in diesem Bereich aufzubauen.

Was hast du aus deinem Studium mitgenommen und möchtest du in deinem beruflichen Alltag umsetzen? Welche Berufe müssen sich hierfür aus deiner Sicht verändern, um eine klimafreundliche Mobilität voranzubringen? 

Im Studium lernen wir viel über verschiedene Akteur*innen, partizipative Methoden und wichtige Elemente der Stadt- und Regionalplanung. In meinem beruflichen Alltag bringe ich gerne Methoden ein, seien es Ideen für Teamprozesse oder bei der Planung von Veranstaltungen. Auf die zweite Frage bezogen, würde ich mir wünschen, dass der Gesetzgeber und die Kommunen noch mutigere Schritte in der Stadtentwicklung gehen, indem Bürger*innen noch besser einbezogen werden und eine Flächenumverteilung im öffentlichen Raum schneller umgesetzt wird. Vielleicht hilft es hierbei auch, nicht immer erst jahrelang den perfekten Radweg zu planen, sondern einfach einmal loszulegen - nachgebessert werden kann immer noch. Die Stadt Paris macht vor, wie dadurch in kurzer Zeit ein Radwegenetz entstehen kann. Ich bin sicher, dass mutigere Schritte auch die Berufe im Bereich der klimafreundlichen Mobilität attraktiver machen und so dem Fachkräftemangel entgegenwirken.  

Was gibst du anderen Absolvent*innen auf den Weg, die sich auch beruflich der Verkehrswende widmen wollen?

Mit Blick auf die 1,5°C-Klimaziele fällt auf, dass im Verkehrssektor viel zu wenig passiert. Das kann auch sehr frustrierend sein, aber besonders dann ist es wichtig sich wieder zu motivieren. Das geht meiner Ansicht nach vor allem durch Vernetzung mit Kolleg*innen aus anderen Kommunen oder Büros. Sprecht einerseits offen über Frustrationen und denkt andererseits auch an das so große Potential und die Chancen, die uns die Verkehrswende bietet: Mehr Klimaschutz, mehr Gesundheit, mehr soziale Gerechtigkeit. Ihr könnt dabei den Unterschied machen: Angefangen mit kritischen Nachfragen an den autozentrierten Professor im Hörsaal, über Diskussionen mit Kommiliton*innen bis hin zur gut überlegten Kommunikationsstrategie für eine mutige Verkehrswende-Maßnahme im Arbeitsalltag. So viele Orte auf der Welt sind schon Pioniere der Verkehrswende, warum sollte das also nicht auch bei deinem Ort klappen? 

Julian Hofmann ist Student der „Planung und Partizipation“ an der Universität Stuttgart. In seinem Studium befasst er sich vor allem mit dem Thema, wie möglichst viele Menschen an den Transformationsprozessen unserer Zeit beteiligt werden können und dadurch Lust auf Veränderung entwickeln. Er ist zudem Mitglied im Projektbeirat unseres VCD-Projekts. Nebenbei engagiert er sich für die Mobilitätswende bei Greenpeace und für mehr Bürger*innenbeteiligung beim Klimaschutz bei Klima-Mitbestimmung JETZT. Außerdem ist er politisch bei Bündnis 90/Die Grünen aktiv. Er wünscht sich, dass jede*r mobil sein kann – egal ob mit Rollator, Kinderwagen oder mit Sehbehinderung.