Nachtreisen - Ein Gefühl

11.03.2015 in Verkehrswende

Wer viel Zeit in Zügen und auf Bahnhöfen verbringt, erlebt so allerhand und gerät in manch eine eigenartige Situation und davon will ich Euch in unregelmäßigen Abständen gerne erzählen.

Ich freue mich natürlich über Bewertungen und Kommentare von Euch oder schreibt mir, was Ihr so unterwegs erlebt

 

 

Teil 1

Nachtreisen – Ein Gefühl

 

Es sind schon seltsame Gestalten, die in den Nachtzügen reisen, gebückt, alt, verhärmt und gezeichnet von all den Wegen, die sie schon hinter sich haben.

Unwillkürlich griff sie sich bei diesem Gedanken ins Gesicht, als erwartete sie auch dort Falten und Furchen vorzufinden, die all die Wegstrecken abbildeten, die sie selbst nun schon gefahren war und die am Abend, beim letzte Blick in den Spiegel noch nicht da gewesen waren.

 

Obwohl sie nicht alleine in dem seltsamen Wagen saß, war es sehr still. Nur die Geräusche des Reisens waren zu hören, aber alle Menschen schliefen, starrten vor sich hin oder waren in Bücher versunken.

Es war einer dieser InterCity-Wagen, die vor langer Zeit einmal InterRegios waren, aber diese Form der deutschlandweiten Regionlazüge hatte sie als Bahnfahrerin nicht mehr erlebt. Schon seit vielen Jahren werden diese alten, unbrauchbaren Wagen gerne vor die Nachtzüge gespannt, für die Reisenden, die nicht nach Amsterdam, Paris oder andere Sehnsuchtsorte fahren, sondern nur zu so später Stunde noch nach Stuttgart müssen.

 

Sie betrachtete den Wagen genauer und wunderte sich, dass es Zeiten gab, in denen das abgestandene Gelb der Wände, das ausgeblichene Türkis der durchgesessenen Sitze und das schmutzige Lila, das sie als Farbe gar nicht richtig benennen konnte, aber in dem die Kopfstützen gepolstert waren, als zusammenpassend und modern gegolten hatten. Die Vorhänge, ja, es waren richtige Vorhänge, weiß, grau gestreift und dazwischen immer wieder dieses Lila, hingen lustlos in die Ecken gedrückt, verwaschen und ungern berührt. Und der rutschfeste Gummi-Boden, der schon längst nicht mehr sauber zu bekommen war und mit seinem Grau alle Farben noch mehr verblassen ließ unterstrich den Gesamteindruck dieses alten Wagens.

Die Trostlosigkeit des Augenblicks konnte wohl durch keine Umgebung besser ausgedrückt werden.

 

Ein Schaffner öffnete die Glastür mit dem goldenen Griff und eilte hindurch, als wollte er längere Aufenthalte an diesem Ort lieber vermeiden.

 

Draußen am Fenster Augsburg und eine genuschelte Durchsage, dann stand der Zug auch schon und blieb es lange, auch er schien keinerlei Motivation zum Weiterfahren entwickeln zu können, obwohl die nächtlich verlassenen Bahnsteige mit dem traurigen, schmutzigen Schneeresten nicht zum Verweilen einluden. An einer grauen Betonwand schwarz-weiß Werbung für ein Spielcasino mit Namen Harlekin. Drei Menschen stiegen ein und eine Frau aus, ohne zu sprechen, immer alleine und mit Kopfhörern im Ohr.

 

Sie musste eingeknickt sein, denn als sie wieder aufsah, war vor dem Fenster nur dunkle Schwärze, die hin und wieder durch Lichter unterbrochen wurde, doch im Vorbeifahren ließ sich nicht feststellen, ob es Häuser, Autos oder Straßenlaternen waren.

Sie hatte noch arbeiten wollen erinnerte sie sich, doch ihr iPad weigerte sich online zu gehen und an WLAN war in diesen Zügen nicht zu denken. Noch zwei Stunden. Alles fühlte sich schwer an, Beine, Arme, Finger und ihre Gedanken auch.

 

Der Schaffner kam wieder "Ihre Fahrscheine bitte!" Man hörte dem Satz an, dass er ihn täglich hunderte Male verwendete und schon lange auf Höflichkeiten, Lächeln oder Variationen der Wortreihenfolge verzichtet hatte. Sie griff geübt in ihre Jackentasche und zeigte ihm ihre BahnCard 100, für die sie sonst ein Lächeln zurück bekam. Aber nicht in diesem Zug und um diese Uhrzeit.  Ein knappes, erzwungenes "Danke", dann ging der Schaffner weiter.

 

Die Tür ging wieder auf und ein Mann stolperte herein, einer der typischen Reisenden für diese Züge, irgendwie fast ein Penner. Schnell senkte sie den Blick, Streit oder Gespräche wollte sie nicht mehr, überhaupt war fraglich ob sie ihre Lippen noch lösen konnte, sie fühlten sich wie zugeklebt an, trocken und die Mundwinkel zogen schwer nach unten. Er stolperte wieder zurück, durch die Tür, durch die er gekommen war und nur seine massive Fahne blieb zurück.

 

Die Frau in der Reihe vor ihr las "In Touch", die Seite war überschrieben mit 'Dschungelcamp 2015: die Tops und Flops' darunter Bilder in unterschiedlicher Größe mit ihr völlig unbekannten Menschen (darüber war sie übrigens sehr erleichtert).

Die Frau blätterte um 'Sie hat jetzt einen Super-Busen!' stand dann über dem Bild eines ganzseitigen Dekolletés, das aus dieser Perspektive tatsächlich riesig erschien.

 

Sie blickte aus dem Fenster, matschiger Schnee, den der Widerschien der Zugfenster erhellte und dazwischen die Gleise, ins nichts verlaufende Geraden, ohne Anfang und ohne Ende

Das monotone Rattern des Zuges und das Flattern des Windes an dem alten Wagen trieben ihre Gedanken fort.