Aktivismus während Corona

18.10.2020 in Erfahrungen eines Klimaaktivisten

Hey Leute! Endlich waren wir wieder so richtig auf der Straße! Der 25.09. in Erlangen war wieder mal eine ganz andere Art von Protest, aber es hat sich super angefühlt, zurück zu sein. Heute erzähle ich euch also, wie es hier wieder losging und (weil es sich ja geradezu aufdrängt) über unseren Aktivismus während Corona. Darüber wie wir bei Fridays for Future schnell reagiert haben und darüber wie der Lockdown der vergangenen Wochen und Monate für einen Aktivisten wie mich so ist. Wirklich 'weg' waren wir nämlich nie.

Es kam alles anders

So haben wir uns das wohl alle nicht vorgestellt. Erinnert ihr euch noch an meinen Jahresrückblick für 2019? Damals meinte ich, dass 2020 wohl mindestens genauso spannend wird wie das vergangene Jahr... Stimmt! Nur halt anders.

Als Corona so richtig "losging" hatten wir Großes vor: Der bayernweite Streik am 13.03. wäre unsere bisher professionellste Demo geworden. Bands waren angefragt, Routen geplant und was wir alles an Marketing abbrennen würden, habt ihr ja zum Teil schon im letzten Artikel mitbekommen. Doch es kam alles anders. Am Wochenende bevor es wieder heißen sollte "Großdemonstration - eingeschränkter Busverkehr" stiegen die Fallzahlen deutlich an. Gerüchte wurden lauter, die europaweit grassierenden Einschränkungen würden auch in Bayern Einzug erhalten. Und während auf dem Planungswochenende die eine Hälfte noch die optimale Verteilung von Megaphonen und Ordnern durchdachte, plante die andere Hälfte, wie man möglichst reibungslos einen landesweiten Streik abbläst. Einige Telefonkonferenzen (ja wir haben das schon gemacht bevor es cool war) und Abstimmungen in Gruppen später stand fest: Wir würden auf die wissenschaftlichen Prognosen hören und unsere Demos sicherheitshalber absagen. Gut zehn Stunden später verkündete die Staatsregierung ein Veranstaltungsverbot ab 1000 Teilnehmenden, welches bei uns garantiert gegriffen hätte.

Alles online

Fast sofort begann die Planung von Online-Formaten. Telefonkonferenzen waren für uns ja nix neues, denn alle bundesweite Vernetzung läuft bei uns über Zoom. Auch Streams hatte unser Youtube-Kanal schon mitgemacht. Bei beidem wurde jetzt einfach das Volumen deutlich hochgeschraubt. Das funktionierte zwar natürlich nicht ganz reibungslos aber doch ziemlich gut. Außerdem gab es für uns Aktivisti noch interne Videokonferenzen zur Weiterbildung. Ich nahm unter anderem an einem Zoom-Call mit Greta, einem WHO-Experten und Naomi Klein teil, das war super spannend!

Die Ortsgruppen Erlangen und München richteten dann am 10.04. einen gemeinsamen Stream-Strike aus, den Carolin aus Erlangen und Anna aus München moderierten. Unter anderem hatten wir einen Sciencentist for Future dabei und wie jedes gute Online-Format im ersten Monat der Pandemie technische Probleme. Alles in allem war es aber eine schöne Sache und ein gutes Gefühl, wieder an irgendetwas teilzunehmen.

Eine ruhigere Zeit

Am 25.04. fand dann der bundesweite Streik über das Netz statt. In Erlangen hatten wir beschlossen, unsere Plakate und Transparente bei uns aus den Fenstern zu hängen oder auf den Gehweg zu legen, um dezentral Präsenz zu zeigen. Über die Zeit hatten sich bei mir so einige Plakate bei mir angesammelt und so stellte ich 9 Stück an den Dechsendorfer Weiher. Dazu steckte ich meine Europafahne in die Hecke am Wegesrand und spannte ein Transparent mit der Aufschrift "Stop Klimakrise" in die dornigen Äste. Der BR kam kurz vorbei und drehte Symbolbilder vier Minuten von zu Hause entfernt. Wieder daheim schaute ich den Stream und musste zugeben, dass Berlins Plakat Idee doch deutlich besser war, als ich dachte.

Apropos zuhause: Da war ich endlich mal wieder seit längerer Zeit. Wenn alles Pause machen muss, betrifft das auch mich. Endlich hatte ich mal die Zeit Unistoff nachzuholen, Sachen zu reparieren, aufzuräumen, zu malen oder ausgiebig spazieren zu gehen. Inzwischen kenne ich die großen Waldstücke in und um Erlangen wirklich gut und das viele Draußensein war das schönste, friedlichste und entspannteste, was ich seit längerer Zeit gemacht hatte. Davon werde ich wohl noch länger zehren und mich immer gerne an die Zeit erinnern.

Neue Normalität

Langsam kehrte Erlangen wieder zur neuen Normalität zurück, sodass wir am 29.05. eine kleine Kundgebung zum ersten Jahrestag des Erlanger Klimanotstandes veranstalten konnten. Wir hatten ein fixes Limit von 100 Teilnehmenden, Maskenpflicht und 100 perfekt 1,5 m voneinander entfernt Kreuzchen auf dem Boden. Tatsächlich mussten wir einige Leute nach Hause schicken. Es waren beinahe nur Menschen aus der unmittelbaren Orga oder enge Freunde da, aber es war toll, sich mal wieder zu sehen und Anwesenheit zu zeigen. Ich hielt eine kurze Rede über den Wert von politischer Beteiligung/Wachsamkeit, wurde allerdings deutlich in den Schatten gestellt von einem zehnjährigen, der uns alle extrem beeindruckte mit seinen 7 minütigen Beitrag. Wenn man eines lernt bei FfF, dann, dass auch sehr junge Menschen schon äußerst fähig sein können und man ihnen viel zutrauen kann.

Gut eine Woche später stand ich schon wieder auf dem Rathausplatz. Diesmal war der Anlass aber ein deutlich unerfreulicherer. Demonstriert wurde unter dem Motto #BLM gegen Polizeigewalt weltweit mit besonderem Fokus auf Deutschland und die USA. Hier waren deutlich mehr als die angemeldeten 100 Menschen da, eher so 400. Wegschicken lassen würde sich hier wohl niemand. Dazu hätte es aber auch keinen Grund gegeben. Alle hielten den nötigen Abstand auch außerhalb der Absperrungen ein, daher hatte die Polizei den Anstand nichts gegen diese Solidaritätsaktion mit den Betroffenen zu unternehmen.

Schöne neue Aktivismuswelt

Der Modus des stationären Protests mit viel personal space auf dem Rathausplatz begann die Norm zu werden. Am 26.06. Demonstrierte ich mit den Students for Future auf diese Art und Weise. Das Nette an solchen Veranstaltungen ist natürlich, dass sie sehr planbar sind und der Aufwand deutlich überschaubarer ist. Das Problem aber ist die Unmöglichkeit bei zahlenmäßiger Begrenzung zu zeigen, dass wir viele sind.

Einige clevere Leute fanden aber andere Wege.

Als die Bundesregierung ankündigte, eine neue Abwrackprämie zu erwägen, waren wir entsetzt. FfF hatte allerdings binnen kürzester Zeit eine Mailvorlage, die ganz einfach über unsere Website an Politiker*innen unserer Wahl geschickt werden konnte. Ich schrieb in erster Linie denen, die ein solches Programm wohl befürwortet hatten. Der massive Protest in allen möglichen Medien lohnte sich.

Eine vergleichbare aber noch spektakulärere Aktion führten wir gegen das unsägliche "Kohleausstiegsgesetz" durch. Hier konnten die Teilnehmenden per Link bei den Abgeordnetenbüros unserer Stimmkreise anrufen. Bevor wir sukzessive verbunden wurden, konnten wir auswählen mit wem wir sprechen wollten. Es gab sogar eine Argumentationshilfe auf die ich persönlich allerdings verzichtete, weil ich meine Argumente auf die jeweiligen Büros zuschnitt. Leider blieben unsere (An-)Rufe hier ungehört und der Kohleausstieg wurde für 2038 abgesetzte. Danke für gar nichts.

Der 25.09.2020

Als sich die Lage in Deutschland wieder etwas kontrollierter anfühlte, begannen die Planungen für einen globalen Streiktag, welcher endlich wieder etwas größer angelegt war. Es kursierten unterschiedlichste Ideen, wie die Gefahr vermeidbar ist, dass eine Person viele andere anstecken könnte. Mein favorisierter Entwurf war eine Menschenkette mit 1,5 Metern Abstand zueinander ähnlich wie die Menschenkette gegen die Abwrackprämie vom VCD und anderen NGOs im Juni. Der Alternativvorschlag waren dezentrale kleine Demonstrationen in den Stadtteilen. Es setzte sich zu meinem Bedauern mein Vorschlag nicht durch, aber so ist das in basisdemokratischen Bewegungen halt, manchmal.

Es fanden sich sechs Teams, die jeweils in ihren Stadtteilen eine Kundgebung organisieren würden. Da ich zu diesem Zeitpunkt gerade umzog und die zweite Aktivistin aus Dechsendorf ebenfalls gerade weggezogen war, ging der ländliche Westen der Stadt leider leer aus. Für den Tag des Streiks entschied ich mich daher nach Tennenlohe zu gehen. Die lieben Leute da konnten nämlich Unterstützung gut brauchen, weil irgendein Idiot sämtliche Plakate und beinahe alle Sticker im Ort mit silberner Sprühfarbe zerstörte. Anlässlich dieser Situation hielt ich ein kurzes Grußwort über den hohen Wert von Solidarität.

Die Demo wurde richtig schön. Es waren zwischen 100 und 150 Leute dabei – zu unserer großen Freude aus einem breiten Spekrum an Jahrgängen. Am coolsten waren allerdings sicherlich die zirka zehnjährigen Mädels und Jungs am fronttransparent. In einem Vorort mit dörflichem Charakter zu demonstrieren ist in jedem Fall mal was anderes. Auch in den anderen Stadtteilen lief es übrigens ganz gut. In Summe 1100 auf der Straße. Kein Rekord aber ein Zeichen. Ein Zeichen, dass wir da sind; dass wir nicht aufhören werden; dass jede Krise bekämpft werden muss.

Bis bald, bleibt gesund. 

Machts gut!